Einsatz im Carl-Zürcher Wald in Teufen

Bilder: Hans Zürcher
Text:Timo Züst 

Im Carl-Zürcher-Wald werden seit Anfang Woche Eschen gefällt. Für die Sicherheit der Waldbesucher. Der Abtransport der Stämme ist aufgrund der engen Platzverhältnisse aber nicht einfach. Die Lösung ist ein Pferd.

Othello dampft. Seit einer guten Stunde zieht der neunjährige Wallach Holzstämme aus dem Carl-Zürcher-Wald. Die Anstrengung hat seine gewaltigen Muskeln aufgeheizt. Er schwitzt. Othello ist ein Burgdorfer. Eine alte Rasse grosser Kaltblüter, die in der Schweiz seit 1960 sehr selten geworden ist. Der Grund: Ab damals wurden die Pferde im Ackerbau immer schneller durch Traktoren ersetzt. Andreas Giger aus Balgach ist einer der wenigen, der sie noch züchtet. „Ich mag grosse, schwere Pferde. Und für das Holzrücken brauche ich sie auch.“ Das Ziehen von Holzstämmen mit Pferden (Holzrücken) hat eine lange Tradition. Vor der Zeit der modernen Forstmaschinen waren diese kräftigen Tiere die effizienteste Methode, um gefällte Bäume aus dem dichten Wald zu transportieren. In unseren Nachbarländern, speziell in Österreich und Deutschland, sind auch heute noch regelmässig solche Gespanne im Einsatz. In der Schweiz ist ein Pferd mit Baumstämmen im Schlepptau aber ein sehr seltener Anblick. Für Andreas Giger sind die Pferde hauptsächlich ein Hobby. Er nimmt mit ihnen auch an Holzrück-Wettbewerben teil. Heute hat er mit Othello seinen ersten „echten“ Auftrag seit rund sechs Jahren – im Teufner Carl-Zürcher-Wald.

Das Eschentriebsterben

Der Carl-Zürcher-Wald entstand als Waldreservat. Er ist im Besitz des Kantons und wird von einer Stiftung gepflegt. In deren Rat sitzt auch der Teufner Revierförster Thomas Wenk. „Dieser Wald ist als Erholungswald kategorisiert.“ Das bedeutet: Hier sind oft viele Menschen unterwegs. Schulklassen, Spaziergänger, Hündeler oder Besucher eines Anlasses wie der Waldweihnacht. Das Thema Sicherheit hat hier entsprechend hohe Priorität. „Deshalb haben wir uns in Absprache mit dem Kanton für diese konsequente Vorgehensweise entschieden“, so Wenk. Was er anspricht, wird dank den „Anzeichnungen“ an den Bäumen sichtbar. Diese roten Striche besiegeln das Schicksal der markierten Bäume. Sie werden gefällt. Dabei handelt es sich fast ausschliesslich um Eschen. Denn sie sind eine Gefahr für die Waldbesucher. Der Grund: das Eschentriebsterben. Dabei wird der Baum von einem Pilz – das Falsche Weisse genannt – befallen. Dieser setzt an den Trieben an und breitet sich nach und nach im ganzen Stamm und dem Wurzelwerk aus. Dort verursacht er eine durchgehende Fäulnis. „Ist der Befall genug weit fortgeschritten, kann ein Baum ohne Vorwarnung umkippen“, wo Wenk. Bei der Besichtigung vor Ort findet er denn auch gleich eine massive Esche, die vor rund einem Jahr spontan gefallen war. Ein genauer Blick zeigt, dass der Wurzelstock komplett faul ist. „In einem weniger intensiv besuchten Wald müssten wir die Eschen nicht so rigoros entfernen. Aber hier ist das Risiko, dass ein fallender Stamm oder Ast einen Menschen trifft, einfach zu gross.“

Vertrauenssache

„Ho! Ho! Ganz ruhig“, Andreas Giger spricht seinem Othello beruhigend zu. Das Tier ist nervös.  Weiter oben im Wald arbeiten die Forstwarte. Das Kreischen ihrer Motorsägen und das laute Knacken der fallenden Bäume wecken in dem Pferd den Fluchtinstinkt. „Er ist sich das nicht gewohnt. Wir sind ja kaum im Wald, während gearbeitet wird.“ Nach einigem guten Zureden kann aber weitergearbeitet werden. Die zwei kennen sich, seit der grosse Wallach ein kleines Fohlen war. Ab dem Alter von drei Jahren beginnt Andreas Giger mit dem Training der Tiere. Mit fünf Jahren sind sie voll ausgebildet. Der neunjährige Othello ist nun im besten Arbeitsalter. „Ich muss dem Pferd blind vertrauen können. Stellen sie sich vor, ich mache die Kette an und er zieht plötzlich. Dann wären meine Finger weg.“ Denn Kraft hat das rund 750 Kilogramm schwere Tier mehr als genug. Auf kurze Distanzen – das beweist er regelmässig an Turnieren – kann er weit über eine Tonne ziehen. Und auch im Wald können es gut und gerne 700 bis 900 Kilogramm sein. Wenn er wie hier aber einen ganzen Tag arbeitet, beträgt das Zuggewicht rund 20 bis 30 Prozent seines Körpergewichts. „So kann er jeweils eine ganze Stunde im Einsatz sein und dann eine Viertelstunde pausieren. So kommen wir auf ungefähr sechs Stunden Zugzeit“, erklärt Giger.

Eine Ausnahme

Eigentlich handelt Andreas Giger mit Forstbedarf. Er bietet Funktions- und Schutzkleidung wie auch Maschinen an. So haben sich er und der Revierförster kennengelernt. „Deshalb kamen wir überhaupt auf die Idee, hier einen Versuch mit dem Pferd durchzuführen“, so Thomas Wenk. Die engen Verhältnisse im Carl-Zürcher-Wald sind ideal dafür. Hier könnten die Forstwarte unmöglich mit ihrem schweren Gerät zu den gefällten Stämmen fahren. Sie müssten also eine mobile Stahlseilwinde einsetzen. Aber die hat Nachteile: „Zwar ist sie sehr stark, kann aber immer nur in eine Richtung ziehen. Sie ist also sehr statisch. Ausserdem kostet die Winde auch einiges pro Stunde. Und den Arbeiter dazu müssten wir ja auch bezahlen.“ Andreas Giger und sein Othello kosten den Forstbetrieb zwar auch 75 Franken pro Stunde. Im Gegenzug sind sie sehr flexibel und kommen ohne die Hilfe der Forstwarte aus. „Natürlich könnte ich davon nicht leben. Aber mir macht diese Arbeit Freude“, so Giger. Klar ist aber auch: Ohne die Unterstützung moderner und leistungsfähiger Maschinen ginge es nicht. Das Zusammenspiel macht es aus. „Hier funktioniert es perfekt. Sie fällen die Bäume und schichten die Stämme auf. Ich ziehe sie mit Othello aus dem Wald.“

Die Konstellation im Carl-Zürcher-Wald ist allerdings einzigartig – das weiss auch Thomas Wenk. „Das ist ein Experiment und eine Ausnahme. Aber es funktioniert bisher sehr gut.“ Othello wird voraussichtlich heute und morgen im Einsatz sein. Die Arbeiten im Carl-Zürcher-Wald dauern aber noch bis Ende kommender Woche. Thomas Wenk rechnet damit, dass rund 80 Eschen gefällt und abtransportiert werden müssen. Immerhin: Das Holz ist bis auf die verfaulten Stellen noch brauchbar. Ausserdem werden die von Othello abtransportierten Stämme separat gewogen. „So können wir Bilanz ziehen und Schlüsse für ein mögliches, nächstes Mal ziehen“, sagt Thomas Wenk.

Bild: Hans Zürcher

Bild: Hans Zürcher

Bild: Hans Zürcher

Bild: Hans Zürcher

 

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